Verbrennungen durch Grillunfälle können bei Kindern dramatische Folgen haben
Berlin, den 16.07.2026 – Grillen ist eine äußerst beliebte und gesellige Freizeitbeschäftigung und Kinder machen gerne mit. Dass das Vergnügen aber gerade für Kinder Gefahren mit weitreichenden Folgen birgt, zeigen die Zahlen an Verbrennungen durch Grillunfälle: Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie zählt in Deutschland rund 4.000 Fälle pro Jahr. Dr. Joachim Suß ist Chefarzt für Kinderchirurgie am Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg. Katrin Scherwatzki bringt eine über 20-jährige Erfahrung als Verbrennungsschwester an derselben Klinik mit. Im Interview erklären sie, wo Gefahren lauern, wie man sie vermeidet und was zu tun ist, wenn das Kind sich doch am Grill verbrannt hat.
Wie sehen Verbrennungen bei Kindern durch Grillunfälle aus und was ist das Besondere an diesen Verbrennungen?
Suß: Das dramatische ist, dass die klassischen Grillunfälle durch Brandbeschleuniger ausgelöst werden. Diese lösen eine extreme Hitzeentwicklung in Höhe des Grills aus. Unbeteiligte werden hiervon immer überrascht und können sich nicht mehr in Sicherheit bringen. Kinder sind häufig mit dem Gesicht in der Höhe der Verpuffung und erleiden durch die Flammen dramatische Verletzung im Gesicht, Oberkörper und Armen sowie Händen.
Was sollen Eltern tun, wenn das Kind sich am Grill verbrannt hat?
Scherwatzki: Sofortiges lokales kühlen und Gabe eines Schmerzmittels, sauberes Abdecken der Wunde, dann Aufsuchen des Kinderarztes, denn: Verbrennungen sollten, wenn die Eltern keine Erfahrung haben, immer ärztlich begutachtet werden.
Wie können Verbrennungen durch Grillunfälle vermieden werden?
Suß: Die goldene Regel lautet: keine Brandbeschleuniger wie z.B. Spiritus verwenden und immer und ausnahmslos die Kinder beaufsichtigen. Nicht unachtsam heiße Kohlen entsorgen. Die Kohle abbrennen lassen und vernünftig ablöschen.
Welche unterschiedlichen Risiken bergen die verschiedenen Arten von Grills
Scherwatzki:
Gas: Risiko der Gasverpuffung – Verbrennung im Gesicht/Oberkörper/Arme/Hände
Elektro: steht auf dem Tisch und damit in Reichweite von Kinderhänden – Kontaktverbrennung
Kohle: Verwendung von Brandbeschleunigern und damit Flammenentwicklung mit Folgen wie beim Gasgrill; unachtsames Entsorgen heißer Kohle und damit Verletzungsrisiko insbesondere für die Füße
Welche Maßnahmen ergreifen Sie in der Klinik bei Kindern, die Verbrennungen durch Grillunfälle erlitten haben?
Suß: Schmerztherapie einleiten, Flüssigkeit über eine Infusion geben, prüfen, ob Begleitverletzungen vorhanden sind (z.B. Atemwege, Sinnesorgane, Herz/Kreislauf, Extremitätenverletzung, Neurologie) und dann die Wundversorgung der thermischen Verletzung. Der Tetanusschutz wird abgefragt und es wird geprüft, ob die Versorgung ambulant erfolgen kann oder eine stationäre Behandlung notwendig ist.
Wie werden leichte Fälle versorgt?
Scherwatzki: Diese bekommen bei uns einen speziellen Salbenverband oder eine spezielle Wundauflage. In der Regel können diese Fälle ambulant weiter versorgt werden und wir binden diese an unsere spezielle Wundsprechstunde an.
Wie werden schwere Fälle versorgt? Wann muss die Kinderchirurgie operieren?
Suß: Schwere Fälle werden immer stationär im OP versorgt, ggf. ist auch eine Behandlung in einem unserer Spezialbetten im Schwerbrandverletztenzentrum notwendig. Dann erfolgt die Versorgung durch ein interdisziplinäres hochspezialisiertes Team.
Wir arbeiten mit sehr speziellen Wundauflagen und Hautersatzmaterialien. Wenn die Haut nicht abheilt, dann werden diese Bereiche durch eine Hauttransplantation gedeckt und zur Abheilung gebracht.
Wie ist die Nachsorge?
Suß/Scherwatzki: Die Nachsorge ist neben der Notfallversorgung und der akuten Behandlung die dritte Säule für eine nachhaltig erfolgreiche Behandlung von thermischen Verletzungen. Sie reicht von der Wundkontrolle mit Verhaltensempfehlungen (eincremen/Sonnenschutz), über die Einleitung einer Kompressionsbehandlung/Schienenversorgung bis hin zur Planung von Korrekturoperationen, etwa wenn Gelenkfunktionen durch Narben eingeschränkt sind. Eine gute Nachsorge ist immer eine Teamarbeit und erfordert jahrelange Erfahrung.